Gastbeitrag von Ralph Ghadban – Deutsche Leitkultur und islamische Lebensweise

Sie kämpften gegen den Kolonialismus und Imperialismus, alles Ideologien aus dem politischen Repertoire des Westens.

Dann hat sich der Islam unter der Führung von Khomeini mit dem Sieg über den „Lakaien der Imperialisten“ Schah Reza Pahlavi veredelt und fügte sich in die Reihe der erfolgreichen antiimperialistischen Bewegungen ein. Deshalb gewann im Westen der Islam, der bislang als rückständige Religion galt, an Prestige und man schämte sich nicht mehr, sich zu ihm zu bekennen.

In den 80er Jahren war die zweite Migrantengeneration auf der Suche nach einer Identität, weil ihr die deutsche Identität verweigert wurde: Deutschland war kein Einwanderungsland, die Ausländer sollten zurück in ihre Heimat, ihre Integration war nicht vorgesehen. Der veredelte Islam kam den Migrantenkindern zupass und sie begannen, eine islamische Identität zu entwickeln. Die islamischen Vereine fanden einen Zulauf, viele Arbeitervereine verwandelten sich in Moscheevereine, und im Jahre 1984 wurde der erste islamische Dachverband, der „Islamrat“, gegründet.

Junge deutsche Männer mit Parka

Zur selben Zeit sah man junge deutsche Männer der dritten Nachkriegsgeneration mit Parka herumlaufen, auf deren Schultern eine deutsche Fahne genäht war. Der Aufruhr war groß und manche sahen schon die Panzer wieder rollen. Die Geburt eines deutschen nationalen Gefühls wurde im Keim erstickt. Stattdessen setzte sich quer durch die Parteien der Multikulturalismus langsam durch. Man wollte andere Kulturen akzeptieren, ohne vorher die Haltung zur eigenen Kultur geklärt zu haben.

Mit Multikulti verbreitete sich die Mär: Integration ja, Assimilation nein. Die kulturelle Identität der Migranten sollte um jeden Preis erhalten bleiben. Die Sozialwissenschaften lehren uns allerdings, dass jede gelungene Integration langfristig zur Assimilation tendiert. Sie ist sowohl materieller als auch kultureller Natur. Dass etwa nicht alle Deutschen von germanischen Stämmen abstammen, hat sich längst herumgesprochen; sie sind trotzdem alle Träger der deutschen Kultur. 

Ein Hauptgrund der Desintegrationsmisere ist deshalb kulturell. Viele Funktionäre der islamischen Verbände heute gehören der zweiten und dritten Migrantengeneration an, sprechen perfekt Deutsch und haben gute Jobs, sie erfüllen die Kriterien der materiellen Integration, sie sind trotzdem gegenüber unserer Gesellschaft ideologisch feindlich eingestellt.

Ihr Integrationsverständnis gleicht dem von Erdogan, der den Multikulti-Integrationsbegriff zuspitzt. Dieser hat wiederholt die türkischen Migranten aufgerufen, gut Deutsch zu lernen und gute Berufe zu haben. Dadurch sollen sie mehr Einfluss auf Staat und Gesellschaft ausüben. Sie sollen sich aber auf keinen Fall assimilieren lassen, weil die Assimilation ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ sei, entschied Erdogan.

Die Rückkehr der Religionen

Die islamische Identität und die islamische Lebensweise wurden gefeiert, und das Zeigen des Gesichts des Islam in der Öffentlichkeit wurde als große integrative Errungenschaft hochgehalten. Man sprach von der Rückkehr der Religionen und war von der angeblichen Frömmigkeit der Muslime beeindruckt. Das war jedoch eine Illusion, weil die Säkularisierung, belegt durch die Kirchenaustritte, unaufhaltsam war und der agierende politische Islam hinter der scheinbaren Religiosität nicht wahrgenommen werden durfte.

Im Gegensatz dazu war es den Deutschen nicht erlaubt, ihr nationales Gesicht zu zeigen. Sie durften auf die positiven Aspekte ihrer Geschichte und ihrer Kultur nicht stolz sein. Erwartet waren, wie Bassam Tibi es ausdrückt, die Selbstverleugnung und die Selbstaufgabe. Erlaubt war nur die Scham und das war fatal für die Integration, weil die Migranten, wie übrigens alle Menschen in der Welt, auf das, was sie sind, stolz sind.

Im Video: Serdar Somuncu: Wenn Erdogan so weitermacht, treibt er Deutschland in Bürgerkrieg

Sie wären auch stolz darauf gewesen, zu einem Gemeinwesen zu gehören, dessen Vergangenheit und Gegenwart so viele großartige Leistungen hervorgebracht hat. Sie wären dann eher bereit gewesen, mehr Verständnis für die dunklen Flecken in der modernen deutschen Geschichte zu zeigen und ihre Konsequenzen mitzutragen, wie etwa die besondere Verantwortung für das Existenzrecht des Staates Israels. Stattdessen grassiert ein aggressiver Antisemitismus und die türkischen Migranten werden gegen die Armenierresolution des Bundestages mobilisiert. Unser Gemeinwesen wird einfach als identitätslos verachtet.

Wie gefährlich dieser Zustand ist, zeigt der Riss in der französischen Gesellschaft wegen der Integrationsfrage. Im Wahlkampf hat Macron, immer in der Tradition der Sozialisten, zu denen er gehörte, den Muslimen erklärt: „Französische Kultur existiert nicht, es gibt eine Kultur in Frankreich und sie ist vielfältig“, weiter sagte er: „Französische Kunst? Habe ich nie gesehen!“. Damit hat er die Spaltung der Gesellschaft aufrechterhalten und wenn die Wirtschaft weiter stagniert, dann wird der Front National noch mächtiger und bedrohlicher.

Multikulti gegen Verfassungspatriotismus

In Deutschland wurde die Entwicklung von öffentlichen Auseinandersetzungen begleitet. Schon Anfang der 90er Jahre fand eine Kulturdebatte statt, Heiner Geisler setzte sich für Multikulti ein und Wolfgang Schäuble plädierte für einen Verfassungspatriotismus, beide CDU-Mitglieder. Schäuble hatte mit seinem Vorschlag keinen Erfolg. Vor allem bei den Muslimen stieß er auf harte Ablehnung.

Die Muslime waren schon massiv auf der Multikulti-Schiene gefahren und bauten ihre Parallelgesellschaften, die ausgehend von der islamischen Identität eine islamische Lebensweise propagierten, das heißt die Befolgung von Schariavorschriften im Alltag. Das Kopftuch breitete sich flächendeckend aus und eine systematische  Aushöhlung unseres Bildungssystems in Richtung Geschlechtertrennung durch Klagen gegen Sexualkunde, Sportunterricht und Klassenfahrten fand statt. Der zweite islamische Dachverband, der „Zentralrat der Muslime“, wurde 1994 gegründet.

Bassam Tibi, ein aufmerksamer Beobachter der soziokulturellen Entwicklung unserer Gesellschaft, schlug 1996 Alarm und führte den Begriff „Leitkultur“ in der Kulturdebatte ein. Er sah den Hauptgrund der Fehlentwicklung in der Konfrontation zwischen Islam und dem Westen und sprach sich für eine europäische Leitkultur der Aufklärung aus. Seine Stimme, wie die Stimmen anderer Islamkritiker, ging unter. Multikulti hatte sich schon weit verfestigt und jede Kritik wurde als Verstoß gegen den kulturellen Multikulti-Kodex der Political Correctness aufgefasst.

Weitere Kulturdebatten folgten und scheiterten ebenfalls. Die Spaltung der Gesellschaft setzte sich fort. Das Abdriften der muslimischen Gemeinschaften und das Scheitern ihrer Integration waren inzwischen soweit gediehen, dass die Bundesregierung sich genötigt fühlte, 2006 eine Islamkonferenz einzuberufen. Nach zehn Jahren hat diese Konferenz nichts gebracht und der Konflikt mit dem Islam in Deutschland ist, wie die letzten Ereignisse zeigen, schärfer geworden.

Im Video: „Keine Muslima darf dazu genötigt werden, Herrn de Maiziere die Hand zu geben“

Die letzte Initiative von Thomas de Maizière mag mit dem Wahlkampf etwas zu tun haben, sie drückt trotzdem eine allgemeine Stimmung aus, die sich von den Irrwegen des Multikulti abgewandt hat. Die Kritik der Multikulturalisten diesmal scheint nicht mehr zu greifen und die Keule der Islamophobie und Political Correctness scheint abgenutzt zu sein. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Vorschlag des Bundesinnenministers von früheren Debatten profitiert hat.

Akkulturation in Deutschland

Der Vorschlag de Maizières geht über den Verfassungspatriotismus, den er als selbstverständlich betrachtet, hinaus. Seine Kritiker dagegen beschränken sich darauf und lehnen die kulturelle Dimension ab, sie verraten damit ihr mangelhaftes Verständnis von Integration. Das Grundgesetz ist eine Verrechtlichung der Menschenrechte, es erklärt sie nicht. Die Begründung dieser Rechte liefert die Aufklärung oder das Christentum. Die Muslime sind auch aufgefordert, ihre Religion so zu reformieren, dass sie diese Werte begründet. Die Kultur der Menschenrechte in ihren unterschiedlichen Formen ist entscheidend.

So auch bei der Integration. Die Gesetze sind wichtig, aber nicht alles. Ein wohlhabender Akademiker, der die unverhüllten deutschen Frauen als Prostituierte betrachtet und die Deutschen wegen Schweinfleischessen und Alkoholkonsum als degeneriert verurteilt, ist nicht integriert. Wegen seiner feindseligen Haltung gefährdet er sogar den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Die Kultur ist außerdem nicht starr, sondern in ständigem Wandel und die Gesetze sind Ausdruck dieses Wandels. Homosexualität war strafbar, heute ist die Homo-Ehe gesetzlich verankert. In der Migration findet der Wandel durch Akkulturation statt und hängt vom Grad der gesellschaftlichen Öffnung ab. Bis zu den 80er-Jahren war die deutsche Gesellschaft geschlossen. Mit Multikulti öffnete sie sich allmählich, ohne jedoch Grenzen zu setzen. Das Ergebnis war die Selbstaufgabe, man sprang von einem Extrem zu dem anderen. Das Bekenntnis zu einer deutschen Leitkultur bietet einen notwendigen Anhaltspunkt für eine gelungene Integration.

Vorschlag von de Maizière kann hilfreich sein

Viele realisieren nicht, wie tiefgreifend die Akkulturation ist. Sie beschränkt sich nicht auf kulinarische Übernahmen: Ketchup, Pasta und Pizza gehören inzwischen zur nationalen Esskultur. Der Döner auch, sein Konsum hat den der Curry-Wurst in Berlin längst überholt, und die Falafel dürfen in keinem vegetarischen Menü fehlen. Die Akkulturation betrifft auch die Sitten und die Einstellungen der Menschen.

In der Gestaltung der Freizeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen ist die Lebenslust des Mittelmeers eingezogen. Anfang der 70er gab es etwa in West-Berlin Straßencafés fast nur am Ku-Damm, jetzt sind sie überall an jeder Ecke zu finden. Selbst im Winter bleiben die Tische draußen und auf die Stühle werden Decken, in der Regel rote, gelegt. Die Deutschen sind vom Trottoir nicht mehr weg zu kriegen. Die hart arbeitenden Deutschen haben gelernt, das Leben zu genießen.

Auf der anderen Seite genießen viele Muslime das Leben in Deutschland und bemängeln das fehlende Selbstbewusstsein der Deutschen. Der Vorschlag von de Maizière kann in dieser Hinsicht hilfreich sein.

Im Video: Harte Vorwürfe gegen de Maizières Leitkultur