Zu Besuch in Sachsen – Teil 1 – Zerstörter Stolz: Dresden zwischen rechter Hetze und unsichtbarem Widerstand

Zu Besuch in Sachsen – Teil 1: Zerstörter Stolz: Dresden zwischen rechter Hetze und unsichtbarem Widerstand

Dienstag, 21.03.2017, 08:22 · von FOCUS-Online-Redakteurin

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Kreuzkirche, Semperoper, Frauenkirche – einst prägten eindrucksvolle Bauten das Bild Dresdens. Doch ein erstarkender Rechtspopulismus hat dem glanzvollen Image einen Kratzer verpasst. Wie rechts ist sächsische Hauptstadt aber tatsächlich? Eine Spurensuche.

Um in den Dresdner Stadtteil Gorbitz zu kommen, fährt man ein Stück durchs Niemandsland – vorbei an Feldern und einzelnen Bäumen. Die Stadt sieht man von hier aus nur am Horizont. Sechsstöckige Mehrfamilienhäuserblöcke reihen sich aneinander. Sie alle sehen gleich aus.

Für die Stadtverwaltung ist Gorbitz ein Stadtteil mit einem „besonderen Entwicklungsbedarf“ – denn die Arbeitslosenquote ist überdurchschnittlich hoch, das Einkommen unterdurchschnittlich niedrig. Gerne leben möchte hier niemand. Viele Wohnungen stehen deshalb leer. Mittlerweile leben hier viele Flüchtlinge. Anas ist einer von ihnen. Der 22-Jährige flüchtete 2016 aus Syrien, weil er in seiner vom Krieg beherrschten Heimat keine Zukunft für sich sah.

Der Königsteiner Schlüssel, der die Verteilung der Flüchtlinge auf die Bundesländer regelt, entschied, dass Anas in Sachsen leben wird. Schlecht geht es dem jungen Mann hier nicht, aber richtig wohl fühlt er sich auch nicht. „In Gorbitz gibt es viel Alkohol, viele Drogen“, sagt er leise.

Anzahl rechter Gewalttaten hat sich fast verdoppelt

Obwohl in Gorbitz mit die meisten Flüchtlinge leben, sieht man auch hier nur wenige Migranten. Ende 2015 waren nur 6,2 Prozent der Dresdner Bevölkerung Menschen aus einem anderen Land. Zum Vergleich: In Bremen sind es bei gleicher Einwohnerzahl 15,1 Prozent. Trotzdem hat die Gewalt von Rechts gerade in Dresden zugenommen. Während das Landeskriminalamt im Jahr 2014 261 rechte Gewalttaten zählte, waren es im Jahr darauf 437.

Warum ist der Hass gerade hier so groß, wo der Anteil an Fremden so gering ist?

„Die DDR war 40 Jahre lang eine Gesellschaft ohne Ausländer“, erklärt Karl-Siegbert Rehberg. Der Soziologie-Professor der TU Dresden hat das Pegida-Phänomen und den Rechtspopulismus wissenschaftlich untersucht. „Die wenigen Ausnahmen waren oft kaserniert und von der Bevölkerung ferngehalten.“ Durch die Wende seien die Menschen in Sachsen plötzlich gezwungen worden, ihre Lebensgewohnheiten radikal zu ändern.

Viele Menschen hätten damals das Gefühl gehabt, von den Westdeutschen überlagert zu werden. Nun hätten einigen von ihnen auch noch Angst, von Flüchtlingen verdrängt zu werden – eine gefährliche Mischung. „Solche Ängste sind zum Teil irrational, aber nicht grundlos“, sagt Rehberg.Der Osten müsse nun Erfahrungen im Umgang mit Fremden aufholen, die Westdeutschland schon viel früher gemacht hat.

FOCUS-Online-Serie: Eine Reise durch Sachsen

Sachsen – eine Hochburg für Rechtsradikale? Eine Region, in der Flüchtlinge nicht sicher sind und Nazis auf den Straßen marschieren? Das Image der Pegida-Geburtstadt Dresden und ihrer Umgebung hat in den vergangenen Monaten gelitten. Doch ist der Osten Sachsen wirklich so rechts, wie es scheint? Unsere Reporterinnen Uschi Jonas und Hanna Klein waren eine Woche in der Region unterwegs und sprachen mit Politikern, Aktivisten, Wissenschaftlern und Flüchtlingen. Eine Serie über den Alltag und seine Hintergründe im Osten der Bundesrepublik.

Der Stolz auf die Stadt hat einen Kratzer bekommen

Auch dem Oberbürgermeister bereitet der erstarkende Populismus in seiner Stadt Sorgen. Ein Besuch im Rathaus in der Dresdner Altstadt: Dirk Hilbert hat es sich auf einem beigefarbenen Sessel in seinem Büro gemütlich gemacht. Der 46-Jährige runzelt die Stirn. Vor zwei Tagen hat der thüringische Landesvorsitzender der AfD, Björn Höcke, in seiner Stadt gesprochen. Am nächsten Tag waren die Medien voll mit Schlagzeilen zu Höckes Skandalrede, in der er unter anderem das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ betitelte.

„Er spielt mit Dresden als Bühne“, kommentiert Hilbert den Auftritt Höckes nüchtern. „Rechtlich haben wir keine Möglichkeit, ihm diese Bühne zu nehmen.“ Bedauern schwingt in seiner Stimme mit. Der FDP-Mann ist eigentlich stolz auf seine Stadt. „Aber diese Haltung hat einen Kratzer bekommen.“ Das Image der Stadt ist angeschlagen – dank Höcke, Pegida und Angriffen auf Flüchtlinge. Einen gebürtigen Dresdner wie Hilbert verletzt das.

„Das Zusammenkommen mit den Menschen ist das Wichtigste“

Doch Dresden hat auch eine andere Seite. Orte, an denen Flüchtlinge ausdrücklich Willkommen sind – so wie im Montagscafé des Dresdner Staatstheaters. Einmal in der Woche treffen im Kleinen Haus in der Dresdner Neustadt Einheimische und Neuankömmlinge aufeinander. Auch Anas kommt regelmäßig hierher. Schon nach wenigen Minuten ist der Raum im ersten Obergeschoss voll mit Menschen. Viele schauen anfangs noch verstohlen in der Luft herum, trauen sich nicht auf andere zuzugehen.

Ein blondes Mädchen setzt sich zu Anas. Magdalena kommt manchmal mit ihrer Freundin hierher. Weil das Zusammenkommen mit den Menschen das Wichtigste ist, erklärt die 20-Jährige. Ihr Vater weiß nichts von ihrem Engagement. „Er hat eine andere Einstellung zu Flüchtlingen“, sagt sie knapp. Sie blickt zu Boden. „Aber eines Tages kann ich ihn ja vielleicht doch mit hierher nehmen.“

Anas erzählt unterdessen von seiner Schule. Dort lernt er neben Deutsch auch physikalische und chemische Grundlagen. „Aber das weiß ich alles schon“, sagt er selbstbewusst. In Damaskus hat er so etwas wie Elektrotechnik studiert. Er beginnt chemische Formeln auf ein Blatt Papier zu malen. Er will beweisen, was er kann. Ein anderer junger Mann kommt hinzu. „Da hast du aber einen Fehler gemacht“, verbessert er Anas und zeigt auf eine Kombination aus Zahlen und Buchstaben. Die beiden Syrer fangen an zu diskutieren.

Zahlreiche Initiativen – aber kaum Außenwirkung

Orte wie das Montagscafé gibt es in Dresden viele. Die Informationsplattform Afeefa.de listet 485 einzelne Initiativen – von offiziellen Institutionen wie dem Flüchtlingsrat bis hin zu ehrenamtlichen Sprachlernangeboten. Sie alle leisten einen entscheidenden Beitrag zur Integration. Außerhalb von Dresden werden sie aber kaum wahrgenommen.

Stattdessen zitieren die Medien gerne die Zahl der Gegendemonstranten von Pegida oder AfD als Maßstab für den Widerstand. Doch die sind oft ernüchternd. So auch bei der Rede von Björn Höcke. Im Vergleich zu der Menschentraube vor dem Eingang des Ballhaus Watzke im Nordwesten der Stadt wirkten die rund 150 Gegendemonstranten auf der gegenüberliegenden Straßenseite fast kläglich.

Wieso stellen sich in Dresden so wenige Menschen offen den Rechtspopulisten entgegen?

„Ich wollte mich nicht nur jeden Montag zählen lassen“

„Also bei so einer Frage kriege ich Schnappatmung“, sagt Ellen Demritz-Schmidt. Das Gesicht der Gründerin des Jugend- und Kulturzentrums Spike wird rot. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Toleranznetzwerks „Dresden für alle“ sitzt sie in den Räumlichkeiten der Rosa-Luxemburg-Stiftung für politische Bildung mitten in der Dresdner Neustadt.

„Anfangs bin ich auch jeden Montag gegen Pegida auf die Straße gegangen“, sagt Demritz-Schmidt. „Aber dann dachte ich mir, dass es doch etwas Anderes geben muss, als mich jeden Montag nur zählen zu lassen.“ Sie steckt ihre Zeit lieber in die Arbeit mit den Flüchtlingen. So kann sie direkt etwas zur Lösung der Probleme beitragen. „Dieses Engagement wird aber nicht gesehen“, kritisiert sie. Ihre Stimme zittert.

Das Netzwerk „Dresden für alle“ will das ändern. Zahlreiche Initiativen haben sich dort zusammengeschlossen, um als Gegengewicht wahrgenommen zu werden – gesellschaftlich und politisch. Mit einem offenen Brief an den Bürgermeister regten sie etwa Ende 2016 eine Diskussion um die Anforderungen an die Beschäftigten in der Flüchtlingssozialarbeit an. Die Stadt hatte eine Verordnung angekündigt, die regelt, welche Qualifikationen Flüchtlingssozialarbeiter und -begleiter mitbringen müssen. Das Netzwerk befürchtete, dass dadurch Menschen, die schon seit Monaten in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, ihre Arbeit nicht weiter machen dürfen. „Mit dem Brief wollten wir einen Austausch anregen – und das haben wir auch geschafft“, erklärt Claus Dethleff vom Netzwerkrat. Im Juni 2017 tritt die neue Richtlinie in Kraft.

„So lange bleibe ich eben hier“

Von den politischen Querelen in seiner neuen Heimat bekommt Anas nichts mit. Er ist mittlerweile im Theatersaal unter dem Dach vom Kleinen Haus angekommen. Heute findet dort ein Siebdruckworkshop statt. Das Programm wechselt jede Woche – je nachdem, wer etwas anbieten möchte. Er beobachtet die Szenerie noch skeptisch, verschränkt seine Arme. „Taschen bedrucken ist nichts für Anas“, behauptet er cool.

Autos findet er da schon besser. So wie sein Onkel. „Der hat eine Autowerkstatt in Thüringen“, sagt er. Vielleicht könne er da eines Tages arbeiten, erzählt er hoffnungsvoll. Möglich ist das aber erst 2020. Bis dahin muss Anas in Sachsen bleiben. So will es seine Aufenthaltsgenehmigung. „So lange bleibe ich eben in Dresden-Gorbitz“, sagt er gleichgültig und verteilt schließlich doch rote Farbe auf der Druckplatte.

 
 

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