Rechnen lernen die Kinder im Supermarkt, Erdkunde am Ätna

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Erikas Geheimnis ist ihre Geduld. „Sonst hätte ich mich auch nicht dazu entschlossen, meine Kinder alle zu Hause zu unterrichten“, sagt sie, während sie der 15 Monate alten Viola hinterherläuft, die lachend überall herumklettert. Ihre Kinder Nicholas und Benjamin beschäftigen sich derweil am Computer mit der Lösung eines pädagogischen Spiels, Thomas und Olivia machen sich zum Hinausgehen fertig.

In Roncaro in der italienischen Provinz Pavia steht ein zweistöckiges Haus inmitten von schneebedeckten Bauernhöfen und ordentlichen, ruhigen Straßen. Hier wohnt Erika Di Martino gemeinsam mit ihrem Ehemann Matteo, einem Grafiker, sowie ihrer Truppe von fünf Kindern unter 12 Jahren und einer Katze.

Willkommen in einer Welt, in der es keine Zeugnisse gibt, kein Ausfragen durch den Lehrer, keine Schulden und kein Sitzenbleiben. Erika Di Martino ist eine der bekanntesten Mütter Italiens, weil sie ihre Kinder zu Hause unterrichtet. In Italien ist das sogenannte Homeschooling legal, jede Familie kann frei und ungebunden entscheiden, wie sie ihre eigenen Kinder unterrichten will.

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Und die Bewegung wächst, so Erika Di Martino. „Als Matteo und ich uns entschlossen, Thomas, unseren Ältesten, nicht mehr in die Schule zu schicken, gab es in Italien nur sehr wenige Familien, die sich für eine Ausbildung durch die Eltern entschieden hatten. Heute hat das Bildungsministerium weitere tausend Kinder registriert, die zu Hause lernen, aber es sind sicherlich viel mehr.“

Di Martino, 37 Jahre alt, Italoamerikanerin, ehemalige Englischlehrerin und Autorin von zwei Essays zur Ausbildung durch Eltern, ist die Sprecherin derjenigen Italiener, die ihre eigenen Kinder nicht in die Schule schicken. Mit Viola-Rose im Arm und einem Jasmintee vor sich erzählt Erika, warum ihrer Ansicht nach das Homeschooling eine richtige Entscheidung ist.

Die Welt: Erika, warum ist es legal, seine Kinder nicht in die Schule zu schicken?

Erika Di Martino: Die Verfassung sagt, dass es Pflicht der Eltern ist, ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen – nicht aber, sie in die Schule zu schicken. Wichtig ist nur, jedes Jahr von Neuem einen Brief an die betreffende Schule zu senden, in dem man seine Entscheidung für den Heimunterricht durch die Eltern mitteilt. Sollten die Kinder sich dann später für eine Rückkehr in die staatlichen Institutionen entscheiden, brauchen sie nur noch ein Examen für Privatschulen abzulegen.

Die Welt: Was bedeutet Homeschooling? Unterrichten da nur die Eltern?

Di Martino: Das entscheidet jede Familie für sich. Einige lassen sich von der Montessori-Methode inspirieren, andere von Rudolf Steiner, wieder andere folgen dem Programm des Ministeriums. Normalerweise fungieren die Eltern als Lehrer, doch manche nehmen auch die Hilfe von externen Lehrern in Anspruch bei Themen, von denen sie selbst nichts verstehen. Das kann auch ein Vater oder eine Mutter von anderen „Homeschoolern“ sein, in einer Art Wissensaustausch. Meine Kinder zum Beispiel gehen zum Musikunterricht zu Musikern und lernen bei einem zweisprachigen Tutor Spanisch.

Die Welt: Wie organisieren Sie sich? Haben Sie bestimmte Uhrzeiten, an denen die Kinder lernen?

Di Martino: In meiner Familie nicht, da ist nichts strukturiert. Wir stehen morgens auf und entscheiden dann, was wir tun wollen. Aus allem kann eine Vertiefung des Wissens entstehen. Gestern ging es beispielsweise um Junkfood, als ich mich im Supermarkt weigerte, es zu kaufen. Daraufhin haben wir das Thema Lebensmittel vertieft, ihre Eigenschaften, woher sie kommen und wie sie verändert werden.

Die Welt: Nutzen Sie auch Bücher, Hefte und Computer?

Di Martino: Wir nutzen alles, inklusive einiger Schultests und viel Onlinematerial. Ich habe kein Problem mit Technologie. Meine Kinder sind zweisprachig und nutzen schon, seit sie klein waren, PC und Tablet. Und dann reisen wir viel: Wir gehen in Ausstellungen, Museen und auf Touren. Für das Fach Geologie etwa waren wir letztes Jahr mit anderen Homeschooler-Familien auf dem Ätna.

Die Welt: Hier sind überall Farben, Bücher, Zeichnungen …

Di Martino: Die Kinder lesen viel, auf Italienisch und Englisch. Zusammen kreieren wir didaktisches Material, oft auch in Form eines Spiels. Aber jede Anregung ist positiv, wenn es darum geht, das Studium zu vertiefen: die Pflanzen im Park, Regen oder Schnee, auch ein Film. Mein Sohn Thomas hat Rechnen gelernt, indem er die Quittungen vom Supermarkt kontrolliert hat.

Die Welt: Sicher, aber muss man diese Kenntnisse dann nicht auch organisieren, damit üben?

Di Martino: Das tun sie. In ihrem eigenen Tempo und ohne Zwang.

Die Welt: Aber zu welchem Preis? Besteht nicht das Risiko, dass Ihre Kinder ohne Schule isoliert bleiben, ohne Freunde?

Di Martino: Das Risiko besteht, das kann man nicht leugnen. Eine gewisse Einsamkeit spürt man schon. Aber wir leben auch nicht mitten in einem Wald: Meine Kinder unternehmen sehr, sehr viel, wobei sie viele Altersgenossen treffen. Und auch mit den anderen Familien von Homeschoolern, die wir an zwei Nachmittagen pro Woche in Mailand treffen, damit unsere Kinder Kontakte knüpfen können.

Die Welt: Was sind die Motive hinter einer so extremen Entscheidung? Die Schule ist eine Stütze der Gesellschaft, eine wichtige Errungenschaft.

Di Martino: Schon, aber was für eine Schule? Dreißig Kinder in einer Klasse mit nur einer Lehrerin. Die Mehrheit der Kinder wird sich selbst überlassen. Dann der Wettkampf, die Noten und das Mobbing! Als Thomas klein war, haben wir ihn in einem öffentlichen Kindergarten angemeldet. Es war ein ausgesprochen hässliches Gebäude. In der Klasse fehlte es an frischer Luft, wir wollten die Klassenzimmer anmalen, aber das hat man uns verboten – und Thomas war unglücklich.

Die Welt: Hätten Sie nicht eine andere Schule suchen können?

Di Martino: Sicher, aber ich hatte schon seit einiger Zeit an Homeschooling gedacht. In den USA ist das weitverbreitet. Ich kannte die Leitgedanken von John Holt, einem Theoretiker im freien Lernen. Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, es auszuprobieren.

Die Welt: Befürchten Sie nicht doch, dass Ihre Kinder Gefahr laufen, sich später nicht mehr eingliedern zu können oder nicht an der Universität aufgenommen zu werden?

Di Martino: Das Wettbewerbsniveau bei uns in Italien ist so hoch wie in den Vereinigten Staaten, wo es über zwei Millionen Homeschooler gibt. Selbst die angesehensten Universitäten wie Harvard und Princeton nehmen jährlich Dutzende Studenten auf, die zuvor nie in eine Schule gegangen sind. Mein Sohn Thomas, der jetzt 12 Jahre alt ist und vor Kurzem in die Ballettakademie der Mailänder Scala eingetreten ist, kann dort, wenn er will, auch nächstes Jahr das Examen machen und ins Gymnasium eintreten. Es gibt einfach so viele Kinder und Jugendliche, die sich in der Schule „falsch verstanden“ fühlen!

Die Welt: Und was sind die Konsequenzen?

Di Martino: Ich bekomme immer mehr Briefe von Eltern von Jugendlichen, die sich für Homeschooling interessieren, nachdem die Kinder vom traditionellen System ausgemustert wurden. Einige von ihnen vielleicht nur, weil sie Legastheniker sind. Oder Opfer von Mobbing. Meine zweite Tochter Olivia etwa: Sie hat viel später als die anderen Kinder lesen und schreiben gelernt. In einer Schule wäre sie mit Sicherheit schlecht bewertet und abgestempelt worden, oder wer weiß was. Stattdessen hat es ausgereicht, ihr einfach mehr Zeit zu lassen …

Die Welt: Ist das nicht ein Weg, den sich nur sehr wenige und nur die Reichen leisten können? Welche Eltern können sich schon erlauben, nicht zu arbeiten?

Di Martino: Das stimmt nicht. Wir haben unsere Wahl getroffen und leben vom Gehalt meines Mannes. Und viele Unterrichtsmaterialien sind gratis, man muss sie nur online finden. Und wenn nötig, arbeite ich auch, ich mache dann Übersetzungen und gebe Englischunterricht. Unser Reichtum besteht in Zeit und in der Freiheit, gemeinsam zu wachsen, Eltern und Kinder. Wie eine Art Sippe, die sich jeden Tag selbst weiterbildet.

Dieser Text erschien zunächst in „La Repubblica“.